Mit viel Geld versucht der russische Staat, in der Krise die Modernisierung der Wirtschaft voranzutreiben und den Abstand in der Hightech-Produktion zu anderen Industrieländern zu überwinden. Die Lieblingsbranche des Kreml hat viele Ideen, aber noch wenig Produkte.
von Thomas Wiede
[img-mini]http://bc3.handelsblatt.com/ShowImage.aspx?img=2543747&width=168&height=168[/img-mini] Der mächtige Oligarch Anatoli Tschubais führt das vor zwei Jahren gegründete Staatsunternehmen Rusnano. Quelle: ap
MOSKAU. Maxim Odnobljudow ist ein gefragter Mann - Präsentationen, Diskussionen, Gespräche: Der 36-jährige Physiker aus St. Petersburg hat es mit seiner Firma Optogan zum Aushängeschild einer jungen Branche in Russland gebracht: der Nanotechnologie. Rusnano, ein vor zwei Jahren gegründetes Staatsunternehmen, darf bis zum Jahr 2015 knapp vier Mrd. Dollar in den Aufbau des Sektors pumpen. Odnobljudow will mit seiner Firma davon profitieren und in Russland eine Massenproduktion für LED-Lampen aufbauen.
Mit viel Geld versucht der russische Staat, in der Krise die Modernisierung der Wirtschaft voranzutreiben und den Abstand in der Hightechproduktion zu anderen Industrieländern zu überwinden. Doch die Erfolge sind noch klein: Rusnano hängt in den Geburtswehen.
"Nano" ist dafür eines der Lieblingsprojekte von Russlands Führungsduo aus Kremlchef Dmitrij Medwedjew und Premier Wladimir Putin. Tausende neue Arbeitsplätze sollen in den kommenden Jahren entstehen. An der Spitze von Rusnano sitzt einer der einflussreichsten Manager Russlands, Anatolij Tschubais. Doch der Ex-Politiker, der sich einen Namen bei der Liberalisierung des Strommarkts gemacht hat, hat mit erheblichen Startschwierigkeiten zu kämpfen und bereits wegen des Verdachts der Verschwendung staatlicher Mittel den Zorn des Kreml auf sich gezogen.
Auf einer großen Industriemesse in Moskau kann er zwar viele gute Ideen für Produkte präsentieren, doch die Erfolge bleiben bisher noch hinter den hohen Erwartungen zurück. Optogan - immerhin - ist schon recht weit. "Es fehlt in Russland noch eine Verbindung zwischen Forschern, die gute Ideen für Produkte haben, und der dafür nötigen Finanzierung", sagt Odnobljudow.
Er ist mit seinen Partnern daher ins Ausland gegangen: erst nach Finnland, dann nach Deutschland. In Finnland, so der Firmengründer, gebe es genügend Venture Capital und vor allem die nötige technische Infrastruktur - in Russland nach wie vor ein Problem. Für den Start und die Finanzierung der Testproduktion wechselte Odnobljudow dann in ein Inkubator-Zentrum der Stadt Dortmund. Von den zehn dort ansässigen jungen Firmen kommt die Hälfte aus Russland. In Dortmund will er weiter einen Forschungs-Standort behalten - auch wenn die Produktion nach Russland gehen soll.
Inzwischen hat Optogan einen prominenten Großaktionär: den Oligarchen Michail Prochorow, derzeit nach der Forbes-Liste mit rund 9,5 Mrd. Dollar der reichste Russe. Rusnano ist mit 17 Prozent beteiligt. Für die Staatsholding ist Optogan vor allem so vorzeigbar, weil sich am Beispiel des LED-Entwicklers zeigen lässt: Seht her, russische Spezialisten kommen aus dem Ausland wieder zurück in die Heimat.
Denn darin steckt eines der Grundprobleme im russischen Wissenschaftsbetrieb: Junge talentierte Forscher verlassen das Land zu oft, weil sie miserabel bezahlt werden. Die nach wie vor zu Hochleistungen fähigen verbleibenden Wissenschaftler gehören einer Generation an, denen der Sinn für "Geschäfte" noch völlig fehlt.
Dass der Aufbau des Sektors noch ganz am Anfang steht, räumt Rusnano-Chef Tschubais offen ein. Die Milliarden vom Staat bewirken aber etwas, sieht Horst Adams, Vizepräsident von Future Technologies Bayer Material Science. Forschungsinstitute erhalten modernere Ausstattungen, auch wenn das Personal dafür noch nicht ausgebildet ist. Adams erkennt eine große "Dynamik", sieht aber die Schwächen: Zu wenig fokussiert sei die staatlich Förderung, meint er. Tschubais hofiert große deutsche Unternehmen und will sie nach Russland locken. "Doch ein global agierender Konzern wird sich nicht in ein nationales Konzept pressen lassen", sagt Adams.
Hinzu kommt: Viele deutsche Nano-Firmen haben ihre Technologie mit Hilfe staatlicher Fördermittel entwickelt. Dass diese Technologien dann nach Russland abwandern, wird nicht gerne gesehen.
Das russische Konzept weist zudem eine weitere Schwachstelle auf: Gerade im Hightech-Sektor geht es eher kleinteilig zu. Vor allem am Anfang einer Entwicklung sind nicht Milliarden nötig, sondern eine maßgeschneiderte Finanzierung und ein kleines flexibles Unternehmen. Die Russen wollten "zu viel, zu groß und zu schnell", kritisiert ein deutscher Manager in Moskau.
Odnobljudow ist hingegen mit Rusnano bisher zufrieden, obwohl auch er es für das Beste hielte, wenn der Staatskonzern sich nun vor allem um Aufbau und Förderung mittelständischer Unternehmen kümmerte.