Moskau-St. Petersburg in 3:45 Stunden Von Eduard Steiner 19. Dezember 2009, 04:00 Uhr
Mit acht Siemens-Zügen startet Russland ins Zeitalter der Hochgeschwindigkeit
St. Petersburg - Er sieht aus wie ein Statement gegen die Krise: Während das weite Russland im wirtschaftlichen Stillstand verharrt, setzt er sich am Donnerstagabend um 19.00 Uhr Ortszeit von Moskau aus in Bewegung. Wenig später schon prescht er mit 250 Kilometern pro Stunde durch die längst stockdunkle Landschaft. Um nach weniger als vier Stunden bereits in St. Petersburg einzufahren. Russlands Hauptverbindungsstrecke von 650 Kilometern in ungeahnter Rekordzeit: Deutsche Technik macht's möglich.
Seit Donnerstag verkehren acht Hochgeschwindigkeitszüge von Siemens zwischen den beiden russischen Städten. Ab 2010 sollen sie auch die östliche Wolgastadt Nischni Nowgorod anfahren. Russland hat damit zu anderen Ländern aufgeschlossen. Am Ende des ersten Jahrzehnts im neuen Jahrtausend fährt Russlands Eisenbahn mit Hochgeschwindigkeit.
Velaro Rus nennt Siemens seine für Russland entwickelte ICE-3-Variante. Die Russen sagen "Wanderfalke" zu ihm, in ihrer eigenen Sprache "Sapsan". Bemalt in den Nationalfarben weiß-rot-blau, unterscheidet er sich seiner Form nach nicht vom hierzulande bekannten ICE-3. Im Detail freilich sehr wohl. Er ist nicht nur um zwei Waggons länger, er ist auch breiter. Der Grund: Russlands Gleise sind nach dem Breitspurmaß verlegt und mit ihren 1520 Millimeter um 8,5 Zentimeter breiter als der Großteil der weltweit üblichen Normalspur.
Russland ist nicht der erste Abnehmer des ICE-3-Modells. Zuvor hatten bereits Spanien und China zugegriffen. Russland sprang 2006 gewissermaßen auf den Hochgeschwindigkeitszug auf. In der Zeit des Wirtschaftsbooms dachten die Russischen Eisenbahnen (RZhD) als größtes Unternehmen des Landes in großen Dimensionen. Laut Vorvertrag nämlich sollten ganze 60 "Velaro Rus" über Schiff ins Land importiert werden. Die Krise zwang zur Bescheidenheit von acht Exemplaren inklusive Wartungsauftrag bei Siemens für 30 Jahre. Russland spielt dabei freilich noch mit einem anderen Gedanken: Und zwar den Zug beizeiten selber im Land zu produzieren. "Wir haben alle Programme für das Rollgut unter Berücksichtigung einer folgenden Verlagerung der Produktion entwickelt", sagte RZhD-Chef Wladimir Jakunin im Interview mit der WELT: "Wir sind ein großes Land. Dass wir dafür immer etwas aus dem Ausland importieren, ist einfach nicht sehr angenehm."
Sehr komfortabel hingegen sollten sich die Passagiere des Velaro schon jetzt fühlen. Nicht nur, dass er schneller zwischen den beiden Städten verkehrt, als dies mit dem Flugzeug möglich ist, wenn man die stundenlangen Staus zu den Flughäfen mit einberechnet. Eigens trainiertes Bedienungspersonal sollte für neue Freundlichkeit sorgen, warmes Essen und Internetzugang für ein modernes, komfortables Lebensgefühl auf einer Strecke mit einer Tradition von eineinhalb Jahrhunderten. Seit jeher war die Route am meisten befahren. Auf ihr spiegelte sich auch die wechselvolle Geschichte des Landes.
St. Petersburg im Norden war die Hauptstadt, ehe der Staatsapparat in der Sowjetunion die Zentrale wieder nach Moskau verlegte. Heute sind in täglich 27 Zügen mehr denn je Beamte zwischen Moskau und Petersburg unterwegs. Schließlich wird der Staat im Gefolge Wladimir Putins und Dmitri Medwedjews von gebürtigen Petersburgern regiert, von denen ein Teil wochen- oder monateweise zu seinen Familien in das "Venedig des Nordens" reist.
Auf der Strecke fuhr am 27. November auch der bisher beste Luxuszug "Newski Express", als eine Bombe ihn zerstörte. 26 Personen kamen dabei ums Leben, fast 100 wurden verletzt. Mutmaßliche Terroristen aus dem Nordkaukasus hatten zugeschlagen. Der "Sapsan" hatte kurz zuvor die Unfallstelle auf einer Testfahrt passiert. Er kehrte um und brachte die Verletzten nach St. Petersburg.