Überraschung für ein Neonaz1-Paar in Polen: Nach Jahren des Hasses auf Juden stellten sie fest, dass sie selbst jüdischer Abstammung sind.
Pawel und Ola aus Warschau kennen sich, seit sie zwölf waren. Mit 18 haben sie geheiratet. Zu dieser Zeit waren sie Teil der örtlichen Neonaz1-Szene und hassten alle, die nicht polnisch waren. Pawel wurde zuerst in den Sog des Rechtsextremismus gezogen. Seine liebende Ehefrau folgte ihm. «Ich war zu hundert Prozent Nationalist. Damals, als wir Skinheads waren, drehte sich alles um die Vorherrschaft der weissen Rasse. Ich glaubte, in Polen sei nur Platz für polnische Menschen», sagt Pawel heute. «Ich glaubte, dass die Juden die schlimmste Plage und das grösste Übel dieser Welt sind».
Doch dann erinnerte sich Ola an ein Gespräch, das ihre Mutter mit ihr geführt hatte, als sie 13 war. Ihre Mutter erwähnte dabei, dass ihre Familie jüdische Wurzeln hätte. Ola machte sich in diesem jugendlichen Alter nichts daraus. Erst als Ehefrau eines Neonaz1s wollte sie mehr über ihre Abstammung wissen. Und die Antwort, die sie im Jüdischen Historischen Institut in Warschau fand, machte ihr Angst. Sie war tatsächlich Jüdin. Und während sie weiter forschte, erkannte sie, dass auch ihr Mann jüdische Wurzeln hatte. «Es war ein Schock. Ich erwartete nicht, dass ich einen jüdischen Ehemann habe», beschreibt Ola ihre damaligen Gefühle in der CNN-Dokumentation «World’s Untold Stories».
Pawel und Ola in jüngeren Jahren. (Bild: CNN)
Verdrängtes Judentum
Wie sollte sie ihrem Ehemann erklären, dass sie beide jüdisch sind? «Ich liebte ihn so sehr, auch als er Skinhead war und Leute verprügelte», sagt die Mutter von zwei Knaben. Als sie ihrem Mann die Dokumente aus dem Institut vorlegte, eilte dieser zu seinen Eltern und stellte sie zur Rede. Sie bestätigten Olas Nachforschungen. Die jungen Eheleute erfuhren, dass sie das Schicksal vieler polnischer Juden nach dem Zweiten Weltkrieg teilten.
In den Jahren nach dem Terror der Nationalsozialisten lebten noch rund 350 000 Juden in Polen. Viele von ihnen verliessen das Land, um der einsetzenden Verfolgung durch das kommunistische Regime zu entgehen. Die Familien, die in Polen blieben, verschwiegen ihre jüdische Abstammung aus Angst vor Repressalien – auch vor ihren eigenen Kindern. Und so wuchsen tausende Juden in dem Glauben auf, sie seien polnische Katholiken. Manche von ihnen, wie Pawel und Ola, liessen sich vom damals in Polen grassierenden Antisemitismus anstecken.
«Wütend, traurig, verängstigt, unsicher»
Die Nachricht über seine jüdischen Wurzeln stürzte Pawel in eine tiefe Sinnkrise. «Es ist schwer zu sagen, wie ich mich fühlte … Mein erster Gedanke war, wie werde ich es den Leuten erzählen? Was werde ich den Jungs sagen? Soll ich es zugeben oder nicht? Ich war wütend, traurig, verängstigt, unsicher». Doch mit der Zeit legten sich Pawels Wut und Verwirrung. Er suchte Antworten beim Grossrabbiner Warschaus, Michael Schudrich und fand sie im jüdischen Glauben. Heute sind Pawel und Ola aktive Mitglieder der jüdischen Gemeinde. Pavel studiert die Torah und macht eine Ausbildung zum koscheren Schlachter. Ola arbeitet in der Küche der Synagoge und überwacht die koschere Zubereitung der Speisen.
Über sein altes Leben sagt Pavel, heute 33: «Ich kann nicht sagen, dass ich es nicht bereue. Aber ich kann mich deswegen nicht für immer selber geisseln. Es tut mir leid für die Leute, die ich verprügelt habe … aber ich hege keinen Groll gegen mich selbst. Die Menschen, die ich verletzt habe, können einen Groll gegen mich hegen.»