FRAGE:Die Darstellungen der Schöpfung, wie sie Ps 103 (104) oder Gen 1-2 geben, stimmen aber nicht mit den neueren naturwissenschaftlichen Forschungsergebnissen überein, gemäss denen unser Planet und das Leben auf ihm nicht in sechs Tagen entstanden sind, sondern sich in einem Zeitraum von etwa zwei Milliarden Jahren langsam entwickelt haben. Ist die Schöpfungslehre der Bibel dadurch nicht überholt durch die wissenschaftliche Forschung?
ANTWORT:Es gibt genau genommen keine ‚Schöpfungslehre‘ der Bibel. Man darf aus Texten nicht herauslesen, was sie nicht sagen wollen; das gilt auch für die Heilige Schrift. Die Schöpfungsdarstellungen der Bibel wollen nicht exakte Vorstellungen vermitteln, wann und wie das Weltall, die Erde und das Leben auf der Erde entstanden sind. Es sind viel mehr Dichtungen, poetische Bilder und Gleichnisse, die Vorstellungen ihrer Zeit benutzen, um zu bezeugen, dass alles Sein und Leben der Hand und dem Wort Gottes zu verdanken ist. Man darf daher das, was sie sagen, nicht als Forschungsberichte missdeuten und mit den naturwissenschaftlichen Forschungsergebnissen vergleichen. Die Wahrheit, die in den Hymnen und poetischen Erzählungen sich ausdrückt, ist eine andere als die den Naturwissenschaften zugängliche, objektiv messbare Wirklichkeit. So sind auch die Zeitangaben, die Schöpfungstage, nicht als wissenschaftliche Daten zu verstehen. Als solche wären sie von vornherein unsinnig. Denn wie soll es einen Abend und einen Morgen geben, bevor die Sonne da ist, die ja nach Gen 1,14-18 erst am dritten Schöpfungstage geschaffen wurde? Wenn der Verfasser der Schöpfungserzählung von Gen 1,1-2,4 eine wissenschaftliche Darstellung der Entstehung der Erde und des Lebens auf ihr hätte geben wollen, der genannte Widerspruch wäre ihm nicht unterlaufen. Denn auch nach seinen damaligen wissenschaftlichen Einsichten war der Morgen mit dem Aufgehen der Sonne und der Abend mit ihrem Untergehen verbunden. Aber er wollte etwas anderes, nämlich in poetischen Bildern davon Zeugnis geben, dass Gott und nicht eine finstere Urmacht der Grund für die Entstehung der Welt ist. Diese Wahrheit aber widerspricht der naturwissenschaftlichen Forschung nicht. Wenn sie nämlich ihre Grenzen ernst nimmt, kann sie keine Aussagen darüber machen, wer oder was Grund und Sinn der Weltentstehung ist. Gott und Sein Wirken kann sie gar nicht in den Blick bekommen, also weder bejahen noch verneinen; tut sie es doch, so hat sie ihre Grenzen überschritten und ist als Wissenschaft nicht mehr ernst zu nehmen. Die Wahrheit aber, um die es den biblischen Schöpfungsdarstellungen in ihrer poetischen Form geht, ist jenseits aller wissenschaftlichen Forschungsmöglichkeit: Es geht ihnen darum, das Weltall und alles, was dazu gehört, aufgrund von Gottes Offenbarung als Gottes Werk anzusagen und damit zugleich Gott als den Herrn der Welt anzuerkennen und zu preisen.
Quelle: Heitz, Sergius (1982) Christus in euch : Hoffnung auf Herrlichkeit : orthodoxes Glaubensbuch für erwachsene und heranwachsende Gläubige. Düsseldorf, S. Heitz; Seite 13-15